Unser individuelles Wohlgefühl hängt untrennbar mit unserer Umgebung zusammen. Die Pandemie hat uns dieses Wohlgefühl zum Teil weggenommen. Die Unbeschwertheit fehlt, die Ungerechtigkeit über die Auswirkungen rückt immer stärker in den Fokus. Frustration über die Umstände macht sich breit.

Empörung quer durch die Gesellschaft

Wir begreifen, dass wir das Virus nicht mehr loswerden und auf absehbare Zeit nichts gegen es unternehmen können. Für das Virus kann man niemanden verantwortlich machen, aber für die Folgen schon. Aus dieser Gemengelage erwächst derzeit eine starke Welle: „Empört euch!“

Äpfel mit Birnen vergleichen

Zu Beginn der Pandemie herrschte Übereinstimmung, dass das Coronavirus eingedämmt werden muss. Das haben wir erfolgreich geschafft. Das Virus ist zwar nicht weg, aber so gefährlich scheint’s auch wieder nicht zu sein, mag man den Coronaleugnern und Verschwörungstheoretikern Glauben schenken. Was sind schon 8000 Coronatote gegen 25.000 Grippetote oder 50 Millionen Spanische Grippetote? Muss man wegen der „verhältnismäßig wenigen“ Toten ein ganzes Land ruinieren? Da werden unreflektiert Äpfel mit Birnen verglichen.

Die Gesellschaft leidet

Ich frage mich, warum wir ein demokratisches Gesellschaftssystem in Frage stellen, das uns über Jahrzehnte so gute Dienste geleistet hat? Deutschland, also wir alle, ist gesellschaftlich sehr weit gekommen. Die Wirtschaft floriert, wir Bürger können unsere Individualität entwickeln, unser Gesundheitssystem ist im internationalen Vergleich hervorragend aufgestellt und wir dürfen jeden Blödsinn straffrei verzapfen, uns versammeln und gegen alles und jeden demonstrieren. Sicher leiden Kinder, Eltern, Alte, Obdachlose momentan stark unter den Corona-Einschränkungen. Auch Depression und Vereinsamung nehmen zu, und die Selbstmordrate wird ansteigen – alles Folgen, die eine Pandemie begleiten. Trotzdem stelle ich mir die Frage: Welche gesellschaftliche Alternative streben wir an?

Meinungsfreiheit

Sollen wir Demokratie, freie Entfaltung und Meinungsäußerung eintauschen gegen extrem rechts oder links gerichtete Staatsformen? Diktatorisch ausgeprägt womöglich? Irgendjemand muss ja mal mit der Faust auf den Tisch hauen, und damit diesen ganzen basisdemokratischen Diskussionen ein Ende setzen. Ach ja? Muss das sein? Warum sollte ich das wollen? Breiten wir Typen wie den Trumps, Bolsonaros, Orbans, Putins in unserem Land den Teppich aus? Soll ich mich mit den schlecht bis gar nicht vertuschten menschenverachtenden Gesinnungen der Höckes, Müllers, Kalbitz’, Tillschneiders und Konsorten auseinandersetzen? Mich von Verschwörern, Leugnern und kruden Endzeitphantasten mit ihrem Stuss belabern lassen? Als Folge der demokratische Meinungsfreiheit kann ich das gut ertragen. Ich habe ja Gottseidank die Freiheit, mir meine eigene Meinung zu bilden. Aber in politischen Entscheidungsämtern, gar auf Bundesebene, brauche ich die so wenig wie ein Hühnerauge.

Verzweiflung hilft nicht

Ich stelle fest, dass sich grade eine Aggressivität ausbreitet, die das Potential hat, uns als Gesellschaft dauerhaft zu spalten. Der Frust über die Dauer der Einschränkungen ist groß. An deren ökonomischen, sozialen und psychischen Folgen verzweifeln vor allen Dingen diejenigen, die sich brav an die Regeln halten. Leider ändert Verzweiflung gar nichts an den Tatsachen, dass wir so lange Geduld haben müssen, bis ein Medikament oder ein Impfstoff Linderung der Situation verspricht.
Auf lange Sicht hin sind wir als Gesellschaft definitiv besser beraten, diese Aggressivität in uns nicht zu sehr Bahn brechen zu lassen. Das schadet uns allen und macht besonders die stark, von denen ich mein Leben nicht beeinflussen lassen will.
Deutschland ist bisher gut durch die Krise gekommen. Darauf können wir bauen. Aber für viele es ist interessanter darüber zu reden, was nicht so gut funktioniert hat. Schade.
Die Vergangenheit und die Fehler können wir nicht mehr ändern. Die Zukunft können wir aber aktiv positiv gestalten. Das ist für mich ein lohnenswertes Ziel.